Ein junger Mann im ländlichen Ostwestfalen – nennen wir ihn Lukas – hatte schon früh das Gefühl, nicht dazuzugehören. In der Schule reagierte er oft nicht auf Anweisungen, ließ Aufgaben liegen, starrte aus dem Fenster. Trotzdem schrieb er gute Noten. Auf seine Mitschüler wirkte er seltsam, viele mieden ihn. Er wechselte mehrfach die Schule, Psychotherapien halfen nicht. Eine Lehre nach dem Realschulabschluss brach er ab. Als er keinen Ausweg mehr sah, begab er sich in eine psychiatrische Klinik.
Erst mit 20 Jahren bekam sein Anderssein einen Namen: Lukas ist Autist.
Was Autismus ist – und was nicht
Autismus ist eine angeborene Entwicklungsstörung des Gehirns, die sich meist bereits in der frühen Kindheit zeigt, etwa durch eine verzögerte Sprachentwicklung. Nach den aktuellen Diagnosekriterien äußert sich Autismus durch anhaltende Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie durch eingeschränkte, sich wiederholende Verhaltensmuster oder stark fokussierte Interessen. Da diese Merkmale sehr unterschiedlich ausgeprägt sein können, sprechen Fachleute heute von einer Autismus-Spektrum-Störung.
Bei Menschen mit „hochfunktionalem“ Autismus ohne Intelligenzminderung, früher als Asperger-Syndrom bezeichnet, entwickeln sich Sprache und Intelligenz unauffällig. Gerade deshalb bleibt Autismus bei ihnen lange unerkannt. Der Begriff „Asperger-Syndrom“ wird heute auch wegen Hans Aspergers Rolle im Nationalsozialismus kritisch gesehen.
„Unter den psychischen Störungen nimmt Autismus eine Sonderstellung ein“, sagt der Freiburger Psychiater Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst [1]. Anders als Depressionen, die in Phasen auftreten, handele es sich um eine sogenannte Strukturdiagnose, vergleichbar mit der Körpergröße [2]. Viele der autistischen Merkmale bleiben im Alltag jedoch unauffällig oder werden fehlgedeutet. Da viele Betroffene zunächst wegen Depressionen oder Ängsten ärztliche Hilfe suchen, wird Autismus oft erst spät erkannt. So wie bei Lukas.
Was Autismus nicht ist: Autismus ist keine Modeerscheinung, keine Folge schlechter Erziehung und auch kein Beweis für besondere Genialität. Solche Vorstellungen halten sich hartnäckig – sie helfen Betroffenen aber nicht weiter. Entscheidend ist, was wissenschaftlich gesichert ist: Autismus beschreibt eine andere Art der Wahrnehmung, Kommunikation und Reizverarbeitung – der Fachbegriff dafür heißt „Neurodiversität“. Wie stark Menschen dadurch im Alltag eingeschränkt sind, kann sehr unterschiedlich sein.
| Vorurteil | Fakt |
|---|---|
| Autismus ist nur ein „Hype“ | Nein: Diagnosen nehmen zu, u.a. weil die Diagnostik besser geworden ist. |
| Autismus kommt durch den übermäßigen Gebrauch von Handys oder sozialen Medien | Nein: Reizüberflutung kann belasten, verursacht aber keinen Autismus |
| Autismus ist eine Krankheit, die man „heilen“ kann. | Autismus ist eine neuroentwicklungsbezogene Störung bzw. eine Form der neurodiversen Entwicklung; es geht eher um Unterstützung und Teilhabe als um Heilung |
| Autistische Menschen haben keine Gefühle. | Autistische Menschen haben sehr wohl Gefühle, sie zeigen oder kommunizieren diese aber oft anders |
| Autismus entsteht durch falsche Erziehung oder Impfungen. | Dafür gibt es keine belastbare Evidenz; entsprechende Behauptungen wurden widerlegt |
| Alle autistischen Menschen sind hochbegabt. | Manche haben besondere Stärken, aber das gilt nicht für alle; Intelligenz und Fähigkeiten sind sehr unterschiedlich. |
| Autistische Menschen können keine Beziehungen führen. | Viele können Beziehungen führen, brauchen aber oft andere Formen von Kommunikation, Struktur und Verständnis. |
Späte Diagnosen, schlechte Versorgung
Was eine späte Diagnose für Betroffene bedeutet, zeigt eine bundesweite Studie aus dem Jahr 2025 [3]. Forschende der Universitätskliniken Hamburg-Eppendorf und Köln befragten mehr als 300 Erwachsene mit Autismus zu ihren Erfahrungen im Gesundheitssystem. „Patienten mit hochfunktionalem Autismus erhalten in Deutschland häufig erst spät eine Diagnose – und stoßen dann zusätzlich auf Hürden in der Behandlung“, sagt Prof. Dr. Dr. Kai Vogeley, Leiter der Spezialambulanz für Autismus an der Uniklinik Köln und Mitautor der Studie. Im Schnitt bekamen die Teilnehmenden ihre Diagnose erst mit 32 Jahren. Entscheidend für die verminderte Lebensqualität war dabei nicht der Autismus selbst – sondern die strukturellen Mängel im Versorgungssystem.
Diagnose oft erst im Erwachsenenalter
In der Studie [3] erhielten die Teilnehmenden ihre Autismus-Diagnose im Schnitt mit 32 Jahren.
Befragt wurden mehr als 300 Erwachsene mit Autismus.
Die Probleme im System treffen auf eine Entwicklung, die den Bedarf weiter steigen lässt: Autismus wird heute häufiger diagnostiziert als früher, besonders seit Beginn der 2000er-Jahre. Das liegt unter anderem an erweiterten Diagnosekriterien und einer gestiegenen öffentlichen Aufmerksamkeit [4,5].
Dazu kommt: Autismus wird heute auch bei Mädchen und Frauen häufiger erkannt. Lange galt er als typisch männliche Störung. Inzwischen weiß man, dass viele Betroffene ihre Symptome gut verbergen können. Fachleute sprechen von „Camouflaging“ oder „Masking“ [6]. Insgesamt geht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass ein bis zwei Prozent der Weltbevölkerung im Autismus-Spektrum leben [7]. Auf Deutschland übertragen wären das mehr als eine Million Menschen. Genaue Zahlen zur Häufigkeit von Autismus im Erwachsenenalter fehlen jedoch.
Abb.1: Krankenhausfälle mit ICD-10-Code F84.5 „Asperger-Syndrom“ in Deutschland, alle Altersgruppen, alle Geschlechter. Die Daten zeigen stationäre Fälle, nicht die Gesamtzahl aller Autismus-Diagnosen. Quelle: GBE Bund (https://www.gbe-bund.de/)
Tab: Warum Diagnosen zunehmen
| Grund | Einordnung |
|---|---|
|
Erweiterte Diagnosekriterien und ICD-11 [8] |
Autismus wird heute breiter und präziser verstanden. Die neue Klassifikation trägt dazu bei, dass mehr Menschen als autistisch erkannt werden. |
| Mehr öffentliche Aufmerksamkeit | Autismus ist stärker im gesellschaftlichen Bewusstsein angekommen. Dadurch werden Hinweise früher wahrgenommen und eher abgeklärt. |
| Gezieltere Hilfesuche | Betroffene suchen häufiger selbst nach einer Erklärung für ihre Schwierigkeiten und lassen sich gezielt untersuchen. |
| Bessere Erkennung bei Mädchen und Frauen | Autistische Merkmale zeigen sich bei Mädchen und Frauen oft weniger auffällig und werden deshalb lange übersehen. |
| Masking und Kompensation (Camouflaging) | Viele Betroffene passen sich über Jahre an ihr Umfeld an. Dadurch bleiben die eigentlichen Schwierigkeiten lange verborgen. |
| Mehr Diagnostik im Erwachsenenalter [2,9] | Immer häufiger wird Autismus auch erst im Erwachsenenalter erkannt. So kommen Fälle ans Licht, die früher unerkannt geblieben wären. |
| Größere Sensibilität in Medizin und Bildung | Fachkräfte achten heute stärker auf autistische Merkmale und leiten Diagnostik eher ein.. |
Wenn der soziale Autopilot fehlt
Autistische Menschen verarbeiten Reize wie Licht, Geräusche oder Gerüche oft anders. Das kann zu Reizüberflutung, Stress oder Rückzug führen, kann aber auch mit besonderen Stärken verbunden sein. Der Begriff „Neurodiversität“ beschreibt Autismus nicht als Krankheit, sondern als Teil menschlicher Vielfalt.
„Zwischen Menschen läuft ständig ein intuitiver Austausch über Mimik, Gestik und Tonfall – meist unbewusst“, sagt Tebartz van Elst [1]. Genau das falle Menschen mit Autismus schwer. Es fehle der „soziale Autopilot“.
Oft kommen enge Spezialinteressen hinzu. Kai Vogeley warnt jedoch davor, diese zu romantisieren. Sie seien nicht immer Ausdruck besonderer Begabungen, sondern oft ein sozialer Rückzug. „Es ist mir einfach nicht so wichtig, dass andere Menschen das mit mir teilen“, beschreibt er diese Haltung [5,10].
Ablehnung, Mobbing, soziale Isolation: Autistische Menschen erleben oft Konflikte im Alltag, verlieren Jobs oder haben kaum Freundschaften [12]. Viele entwickeln Depressionen oder geraten in suizidale Krisen. Studien schätzen, dass Autisten ein mindestens 7-fach erhöhtes Suizidrisiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben [12,13] – mit besonders hohen Raten bei Menschen ohne Intelligenzminderung. Die Studie von David et al. zeigt: 70 Prozent der Befragten hatten einen höheren Schul- oder Berufsabschluss, mehr als die Hälfte war dennoch arbeitslos [3]. Vogeley sieht darin kein individuelles Versagen, sondern vor allem ein strukturelles Problem.
Häufig verwendete Begriffe:
Overload: Reizüberflutung durch Geräusche, Licht, Gerüche oder soziale Situationen.
Shutdown: Rückzug oder Erstarren nach Überforderung.
Meltdown: sichtbare Überlastungsreaktion nach zu viel Stress, Reizüberflutung oder Frust, etwa durch Weinen, Wutausbrüche, Panik oder Kontrollverlust.
Masking / Camouflaging: Anpassung nach außen, obwohl die Situation innerlich sehr anstrengend ist.
Neurodiversität: Die Idee, neurologische Unterschiede als Teil menschlicher Vielfalt zu verstehen.
Hilfe nur mit Hürden
Eine frühe Diagnose könnte helfen, doch die Facharztpraxen sind ausgelastet. Ein Grund hierfür ist auch die hohe Zahl unspezifischer Anfragen. „Eine unserer größten Herausforderungen ist, dass wir Menschen, die ganz sicher nicht autistisch sind, vorher nicht gut herausfiltern können“, sagt Vogeley. Die Folge: Wartezeiten von bis zu zwei Jahren allein auf das erste Vorgespräch. „Das ist beschämend“, so Vogeley [10].
Die langen Wartezeiten entstehen auch durch die aufwendige Diagnostik. Autismus wird klinisch beurteilt: durch Gespräche, Tests und strukturierte Interviews. Weil manche Merkmale anderen psychischen Erkrankungen ähneln (z.B. Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen), braucht es Zeit und speziell geschulte Fachleute. Einen Biomarker oder Gentest für eine schnelle Diagnose gibt es bislang nicht.
Wodurch Autismus entsteht, ist bislang nicht vollständig geklärt. Zwillingsstudien weisen auf eine hohe erbliche Komponente hin. Auch frühe Umwelteinflüsse spielen eine Rolle, insbesondere während der Schwangerschaft, etwa die Einnahme bestimmter Medikamente wie Valproat. Als widerlegt gelten dagegen Erklärungen, wonach Impfungen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder ein vermeintlich „kaltes“ soziales Umfeld Autismus auslösen. Soziale Medien oder Computerspiele können autistische Menschen belasten. Wissenschaftliche Belege dafür, dass sie Autismus verursachen, gibt es jedoch nicht [2,6].
Fakt statt Fake
Autismus lässt sich bisher nicht durch einen Bluttest, Gentest oder Hirnscan sicher diagnostizieren. Die Diagnose erfolgt klinisch: durch Gespräche, Beobachtung, Fragebögen und die Abgrenzung zu anderen psychischen Erkrankungen. Impfungen, Handys oder soziale Medien verursachen nach aktuellem Forschungsstand keinen Autismus.
Versorgungslücke: nicht nur auf dem Land
Engpässe in der psychiatrischen Versorgung sind kein Einzelfall. Laut dem Landespsychiatrieplan NRW [14] und einem Gutachten für den nordrhein-westfälischen Landtag von 2024 [15] gibt es zwar ein formal gut ausgebautes, gemeindenahes Versorgungssystem – in der Praxis reicht es aber oft nicht aus. Besonders in ländlichen Regionen fehlen Behandlungsplätze, während Städte etwas besser versorgt sind [16].
Was das konkret bedeutet, zeigt ein Blick nach Ostwestfalen-Lippe. Dort betreibt der Autismus Ostwestfalen-Lippe e.V. acht Autismus-Therapiezentren [17]. Wegen der hohen Nachfrage warten Betroffene oft 1 bis 2 Jahre auf einen Platz. Die Zentren vergeben Termine nur nach fachärztlicher Empfehlung, da sie selbst keine Diagnostik durchführen.
Ein weiteres Problem: Die Leistungen der Autismus-Therapiezentren laufen nicht über die Krankenkasse, sondern über Eingliederungshilfe und Spenden. Auch deshalb lässt sich das Angebot trotz hoher Nachfrage nicht schnell ausweiten. Hinzu kommt der schlecht organisierte Übergang von der Jugend- in die Erwachsenenpsychiatrie [18]. Oft ist unklar, wer zuständig ist – Kliniken, Behörden oder Ärzte schieben sich die Verantwortung gegenseitig zu. Betroffene müssen dann selbst koordinieren – für autistische Menschen eine zusätzliche Belastung.
„Ungeschulte Therapeuten erkennen Autisten oft nicht – es kommt zu einer doppelten Unsichtbarkeit“, sagt Vogeley. „Der Therapeut versteht die autistische Perspektive nicht, der Autist die des Therapeuten – ohne Schulung eskaliert das.“ [10] Inzwischen reagiert die Fachwelt mit spezialisierten Weiterbildungen, etwa zur Autismus-Therapie oder mit modularen Kursen für Fachkräfte wie z.B. der Modulare Zertifikatskurs Autismus-Therapie (MoZAT) [19].
Gleichzeitig steigt der Druck auf die Diagnostikstellen – nicht zuletzt wegen der vielen Online-Selbsttests. „Es kommen dann Menschen in meine Sprechstunde, die überzeugt sind, Autismus zu haben“, sagt Vogeley. „Aber diese Tests sagen oft wenig aus.“ [10] Um erste Einschätzungen zu verbessern, hat seine Arbeitsgruppe den englischen Screening-Fragebogen RADS-R ins Deutsche übersetzt und getestet [20]. Das Ergebnis: Mit über 90 Prozent Sensitivität und Spezifität lässt sich mithilfe des Fragebogens ein Anfangsverdacht erhärten – oder ausschließen. Eine weitere Abklärung durch spezialisierte Stellen bleibt trotzdem notwendig.
Warum Hilfe oft so lange auf sich warten lässt
Autismus-Therapiezentren diagnostizieren oft nicht selbst, sondern arbeiten erst nach fachärztlicher Empfehlung. Die Finanzierung läuft zudem nicht wie eine normale ärztliche Behandlung über die Krankenkasse, sondern oft über Eingliederungshilfe. Für Betroffene bedeutet das: mehrere Stellen, mehrere Anträge, lange Wartezeiten.
Tab: Warum Diagnosen zunehmen
| Anliegen | Mögliche Anlaufstelle | Hürden |
|---|---|---|
| Diagnose | Facharztpraxis, Spezialambulanz, Klinik | lange Wartezeiten von > 6 Monate |
| Autismusspezifische Therapie | Autismus-Therapiezentrum | Meist erst nach gestellter Diagnose, lange Wartezeiten 1- 2 Jahre |
| Finanzierung | Eingliederungshilfe | Antrag, Prüfung, Zuständigkeit |
| Alltag und Wohnen | ambulante Hilfen, betreutes Wohnen (BeWo) | Große regionale Unterschiede |
| Ausbildung und Arbeit | Integrationsfachdienst, Reha-Abteilung der Arbeitsagentur | passende Unterstützung finden |
Zwischen Hype und Vorurteil
Auch falsche Bilder von Autismus tragen zur Überlastung der Anlaufstellen bei. Auf Plattformen wie TikTok verbreiten sich Klischees rasant. Eine US-Studie aus dem Jahr 2025 hat die meistgeklickten Videos zu #Autism untersucht [21]: Nur etwa ein Viertel war fachlich korrekt, der größte Teil enthielt ungenaue oder stark verallgemeinernde Inhalte.
„Autismus wird regelrecht romantisiert“, sagt Vogeley. „Ich persönlich kann mich nicht davon überzeugen, dass es toll ist, autistisch zu sein.“ Viele verbinden Autismus mit Hochbegabung oder genialen Fähigkeiten – geprägt auch durch Medienfiguren wie Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory. Vogeley kennt die andere Seite: In über zwanzig Jahren Autismus-Sprechstunde hat er rund 4.000 Menschen gesehen, etwa 1.000 mit gesicherter Diagnose. „Da war keiner dabei, der eine für mich völlig unnachvollziehbare Begabung wie im Film hatte.“ [10]
Es gibt aber auch Stimmen, die den Anstieg der Diagnosen als Modetrend abtun. Fachleute warnen vor solchen Vorurteilen [22,23]: Wer Angst vor Stigmatisierung hat, sucht sich bei psychischen Problemen oft keine Hilfe. Hinzu kommen Zerrbilder: Autistische Menschen gelten noch immer als kalt oder gefühllos. „Das ist schlicht falsch“, sagt Vogeley. Autistische Menschen empfinden Gefühle genauso intensiv wie andere – sie äußern sie oft nur anders als Außenstehende es erwarten.
Unterstützen statt heilen
Ein Medikament gegen Autismus gibt es bislang nicht. Medikamente werden vor allem bei Begleitbeschwerden wie Unruhe, Aufmerksamkeitsstörungen oder Depressionen eingesetzt, sagt Tebartz van Elst. Für die eigentlichen Herausforderungen – soziale Missverständnisse oder Stress im Alltag – setzen Autismus-Therapiezentren auf Psychotherapie, etwa mit Gruppenprogrammen wie FASTER [24]. Ziel ist nicht, Autismus zu „heilen“, sondern besser damit leben zu können.
Auch der berufliche Einstieg lässt sich gezielt unterstützen [25]. Vogeley berichtet von einem Kölner Modellprojekt, das autistische Menschen bei ihrem Weg in den Job begleitet. Anfangs seien viele Arbeitgeber skeptisch gewesen, das habe sich aber schnell gelegt. „Alle Betriebe, die mitgemacht haben, waren am Ende positiv überrascht“, sagt Vogeley [1,10]. Seit 2024 läuft mit TeMA ein weiteres Projekt des Autismus-Landesverbands NRW, das Hilfen im Alltag besser vernetzen soll [26].
Auch Lukas hat inzwischen eine Perspektive. Der Klinikaufenthalt hat ihm zunächst wenig gebracht – außer der Diagnose. Trotzdem war genau die für ihn entscheidend: Endlich wusste er, woran er ist und wohin er sich wenden kann. Noch ist vieles offen. Aber Lukas weiß jetzt, wonach er suchen muss.
Was hilft?
Klare Kommunikation, feste Ansprechpartner, reizärmere Umgebung, autismusspezifische Therapie, Unterstützung bei Ausbildung und Arbeit — und weniger Klischees.
Link-Tipps:
Große Fachverbände und Interessenvertretungen
- Bundesverband autismus Deutschland e.V.: Der zentrale Dachverband in Deutschland. Er bietet umfassende Ratgeber zu Rechtsfragen, Diagnostikstellen sowie eine praktische Kartensuche für regionale Therapiezentren und Hilfsangebote.
-
ZAK Germany: Das Zentrum für Autismus und Inklusion arbeitet trialogisch. Es verbindet das Fachwissen von Wissenschaftlern, Therapeuten und autistischen Menschen.
Perspektiven von Betroffenen (Selbsthilfe & Kultur)
- Autismus-Kultur: Eine Plattform, die aktuelle Forschung mit praktischen Alltagserfahrungen von Autisten verknüpft. Sie bietet verständliche Ratgeber und Tipps für ein erfülltes Leben im Spektrum.
- autSocial e.V.: Ein von Autistinnen und Autisten geführter Verein, der sich auf Selbsthilfe, Empowerment und den direkten Erfahrungsaustausch fokussiert.
-
NeuroDivers e.V.: Diese Interessenvertretung stärkt die Selbstbestimmtheit im Spektrum und bietet gezielte Informationen für autistische Frauen, Kinder und Jugendliche.
Medizinische Informationsportale
- gesund.bund.de: Das offizielle Informationsportal des Bundesministeriums für Gesundheit bietet leicht verständliche, wissenschaftlich geprüfte Fakten zu Symptomen, Ursachen und der Diagnose von Autismus.
- Neurologen und Psychiater im Netz: Dieses Fachportal von deutschen Berufsverbänden liefert detaillierte medizinische Informationen zum Störungsbild und den Kernsymptomen aus psychiatrischer Sicht.
- Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG): Bietet Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse sowie moderne therapeutische Behandlungsansätze.
Referenzen
- PHILIPSEN, A. (2023): Autismus-Spektrum-Störung, CME-Webinar „Psychiatrie Live“, Streamed-up / Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin, https://streamed-up.com/search/autismus
- TEBARTZ VAN ELST, L. (Hrsg.) (2025): Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter, 4. Aufl., Berlin: MMV
- DAVID, N. et al. (2025): Barriers to healthcare predict reduced health-related quality of life in autistic adults without intellectual disability, Autism, 29(2), 476–489
- AUTISTEN SELBSTHILFEVEREIN: Blog Autisten Selbsthilfeverein, https://www.autisten.info/blog
- LVR – LANDSCHAFTSVERBAND RHEINLAND (2023): LVR Fachtagung Autismus, 31. August 2023. https://tagungen-klinikverbund.lvr.de/de/nav_main/veranstaltungen/autismusfachtagung/inhaltsseite_10.html
- TEBARTZ VAN ELST, L. et al. (2023): Entwicklungsstörungen, Stuttgart: Kohlhammer
- WHO – WORLD HEALTH ORGANIZATION (2025): WHO statement on autism-related issues, https://www.who.int/news/item/24-09-2025-who-statement-on-autism-related-issues
- TYRER, P. (Hrsg.) (2025): ICD-11. Neue Entwicklungen in Diagnostik und Klassifikation psychischer Störungen, 1. Aufl., Bern
- ROY, M.; STRATE, P. (2023): Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter, Deutsches Ärzteblatt, 120(6), 87–93
- DEUTSCHLANDFUNK (2024): Autismus-Spektrum-Störung. Gespräch mit Kai Vogeley, Sendung vom 30.01.2024, https://www.deutschlandfunk.de/autismus-spektrum-stoerung-gespraech-mit-kai-vogeley-dlf-309bae38-100.html
- DGPPN – DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR PSYCHIATRIE UND PSYCHOTHERAPIE (2017): Das Stigma psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft, Pressemitteilung vom 10.10.2017
- Hirvikoski T, Boman M, Chen Q, D’Onofrio BM, Mittendorfer-Rutz E, Lichtenstein P, Bölte S, Larsson H. Individual risk and familial liability for suicide attempt and suicide in autism: a population-based study. Psychol Med. 2020 Jul;50(9):1463-1474. doi: 10.1017/S0033291719001405
- Brown CM, Newell V, Sahin E et al. (2024) Updated systematic review of suicide in autism: 2018–2024. Current Developmental Disorders Reports, 11 (4). pp. 225-256. ISSN: 2196-2987
- MINISTERIUM FÜR GESUNDHEIT, EMANZIPATION, PFLEGE UND ALTER DES LANDES NORDRHEIN-WESTFALEN (2017): Landespsychiatrieplan Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
- LANDTAG NORDRHEIN-WESTFALEN (2024): Bericht für den Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landtags Nordrhein-Westfalen. Zwischenstand Fortschreibung des Landespsychiatrieplans – Arbeitsstruktur, Themenschwerpunkt, Gutachten zur Versorgung von Menschen mit Intelligenzminderung und Autismus-Spektrum-Störungen in NRW, 18. Wahlperiode, Vorlage 18/2594, 3. Juni 2024
- BUNDESPSYCHOTHERAPEUTENKAMMER (2018a): Gleiche Chancen auf Behandlung in Stadt und Land, Pressemitteilung vom 27.01.2018
- AUTISMUS OSTWESTFALEN-LIPPE E.V.: Autismus Ostwestfalen-Lippe, https://www.autismus-owl.de
- SOLMI, M. et al. (2022): Age at onset of mental disorders worldwide, Molecular Psychiatry, 27(1), 281–295
- Bundesverband Autismus e.V. https://www.autismus.de/veranstaltungen/modularer-zertifikatskurs-autismus-therapie-mozat.html
- Rausch J, Fangmeier T, Falter-Wagner CM, Ackermann H, Espelöer J, Hölzel LP, Riedel A, Ritvo A, Vogeley K, van Elst LT. A novel screening instrument for the assessment of autism in German language: validation of the German version of the RAADS-R, the RADS-R. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2025 Dec;275(8):2449-2460. doi: 10.1007/s00406-024-01894-w
- ARAGON-GUEVARA, D. et al. (2025): The Reach and Accuracy of Information on Autism on TikTok, Journal of Autism and Developmental Disorders, 55(6), 1953–1958
- DGPPN – DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR PSYCHIATRIE UND PSYCHOTHERAPIE (2017): Das Stigma psychischer Erkrankungen in der Gesellschaft, Pressemitteilung vom 10.10.2017
- DGPPN – DEUTSCHE GESELLSCHAFT FÜR PSYCHIATRIE UND PSYCHOTHERAPIE: Für Akzeptanz – gegen Ausgrenzung, https://www.dgppn.de/schwerpunkte/stigma.html
- Universitätsklinikum Freiburg. https://www.uniklinik-freiburg.de/psych/klinische-schwerpunkte/asperger-autismus.html
- WEHMAN, P. H. et al. (2014): Competitive employment for youth with autism spectrum disorders, Journal of Autism and Developmental Disorders, 44(3), 487–500
- Autismus Landesverband NRW. https://www.autismus-landesverband-nrw.de/2024/07/projektstart-tema/



